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Rhein­me­tall AG 703000

Rhein­me­tall im Spie­gel von Dr. Hein­rich Faust

Auf der Kauf­liste unse­res Han­dels­aus­schnitts für die Berichts­wo­che stand die Aktie von Rhein­me­tall, die der­zeit bei rund 1200 Euro notiert und die seit Jah­res­be­ginn um 25 Pro­zent nach­ge­ge­ben hat.

Am 28. Mai schrieb dpa-​​AFX Ana­ly­ser: „Deut­sche Bank Rese­arch hat die Ein­stu­fung für Rhein­me­tall anläss­lich der Inves­to­ren­ver­an­stal­tung ‚dbAc­cess Euro­pean Cham­pi­ons Con­fe­rence‘ mit einem Kurs­ziel von 2100 Euro auf ‚Buy‘ belas­sen. Die Aus­sich­ten des Rüs­tungs­kon­zerns, die Ziele für das Gesamt­jahr 2026 im Ein­klang mit der Ent­wick­lung im ers­ten Halb­jahr zu hal­ten, seien gut, schrieb Chris­toph Las­kawi in sei­nem am Don­ners­tag vor­lie­gen­den Kom­men­tar.“

Eine Woche zuvor hatte Jef­fe­ries in einer Bran­chen­ana­lyse das Kurs­ziel für Rhein­me­tall von 2220 auf 1890 Euro gesenkt und die ‚Buy‘-Bewertung bei­be­hal­ten. Dpa-​​AFX resü­mierte mit Bezug auf die ver­ant­wort­li­che Ana­lys­tin Cloe Lema­rie am 21.5.: „Land­ver­tei­di­gungs­sys­teme blie­ben ihr bevor­zug­tes Sub­seg­ment inner­halb des Rüs­tungs­sek­tors, unge­ach­tet der Beden­ken über die Pro­dukt­re­le­vanz, die sie als klar über­zo­gen betrachte ….

Beden­ken hin­sicht­lich der Umset­zung von Vor­ha­ben der Unter­neh­men seien schon eher berech­tigt, wes­halb sie ihre Bewer­tungs­kenn­zif­fern kürzte. Den Auf­trags­ein­gän­gen komme vor die­sem Hin­ter­grund ent­schei­dende Bedeu­tung zu, um die Stim­mung gegen­über Rhein­me­tall, CSG und Renk wie­der auf­zu­hel­len. Gesun­kene Bewer­tun­gen und ein star­kes Ergeb­nis­wachs­tum bis 2030 sprä­chen für attrak­tive Ein­stiegs­ge­le­gen­hei­ten.“

Diese Kur­zu­sam­men­fas­sun­gen von Nach­rich­ten­agen­tu­ren beru­hen auf Bran­chen­stu­dien, die soge­nannte Sell-​​Side-​​Analysten ver­fas­sen. Sell-​​Side-​​Analysten schrei­ben in der Regel Bran­chen­ana­ly­sen, mit deren Hilfe letzt­lich auch Tra­des und Geschäfte ange­regt wer­den sol­len, von denen das eigene Haus in der einen oder ande­ren Weise pro­fi­tiert. Diese Stu­dien wer­den daher im eige­nen Haus in den ein­schlä­gi­gen Abtei­lun­gen genutzt, um Kun­den Tra­des schmack­haft zu machen.

Für die leich­tere Les­bar­keit auf­be­rei­tete Ana­ly­sen wer­den häu­fig auch wohl­ha­ben­de­ren Pri­vat­kun­den zur Ver­fü­gung gestellt und das inter­es­sierte öffent­li­che Publi­kum kann „umsonst“ auf die zitier­ten Kur­zu­sam­men­fas­sun­gen und die noch ein­fa­che­ren Bewer­tun­gen (Buy, Hold, Sell usw.) sowie Kurs­ziele als Ori­en­tie­run­gen zurück­grei­fen. Auf der ande­ren Seite wer­den die Sell-​​Side-​​Analysen auch von Finanz­pro­fis etwa des Asset Manage­ments bzw. von Buy-​​Side-​​Analysten genutzt.

Von den Sell-​​Side-​​Analysten unter­schie­den wer­den die Buy-​​Side-​​Analysten, die für Ver­mö­gens­ver­wal­tun­gen oder Fonds Ana­ly­sen aus­schließ­lich für den inter­nen Gebrauch anfer­ti­gen, dies aber streng ver­trau­lich. Sie spe­zia­li­sie­ren sich eher auf ein­zelne Titel und gra­ben dabei mit­un­ter sehr tief, um Infor­ma­ti­ons­vor­teile zu erzie­len. Dabei nut­zen sie auch die Bran­chen­ana­ly­sen der Sell-​​Side-​​Analysten. Wobei die Sell-​​Side-​​Rolle und die Buy-​​Side-​​Rolle auch in einer Analysten-​​Person ver­eint sein kann (siehe Stu­die wei­ter unten).

Empi­ri­sche Unter­su­chun­gen zei­gen regel­mä­ßig, dass Sell-​​Side-​​Analysten in der Mehr­heit aller Analyse-​​Fälle Buy-​​Empfehlungen aus­spre­chen und dass ihre Kurs­ziele im Mit­tel deut­lich höher sind als die tat­säch­lich rea­li­sier­ten Kurse es im Rück­blick recht­fer­ti­gen.

Man spricht hier oft­mals von einem Optimismus-​​Bias, weil die Schät­zun­gen im Mit­tel viel zu posi­tiv aus­fal­len. Man führt die­sen Bias bei Sell-​​Side-​​Analysten auf deren Funk­tion für den Han­del und die Inter­es­sen des eige­nen Hau­ses zurück. Das wird durch das Wir­ken in der Öffent­lich­keit und den Vor­teil der Mehrheits-​​Konformität bei Ein­schät­zun­gen noch ver­stärkt; denn wer mit der Mehr­heit fehl geht hat weni­ger Nach­teile zu befürch­ten als wer gegen die Mehr­heit falsch liegt.

Sell-​​Side-​​Analysten dürf­ten denn auch in schwa­chen Stun­den manch­mal mit Dr. Hein­rich Faust seuf­zen: „Zwei See­len woh­nen, ach! in mei­ner Brust“. Es ist zum einen die extrin­si­sche Moti­va­tion aus Liebe zum eige­nen zukünf­ti­gen Ein­kom­mens­strom; und auf der ande­ren Seite das mehr intrin­si­sche Stre­ben nach objek­ti­ver Erkennt­nis des wah­ren Werts eines Unter­neh­mens.

Bei Buy-​​Side-​​Analysten scheint es die­ses See­len­drama so nicht zu geben: Die intrin­si­sche „faus­ti­sche“ Moti­va­tion lässt sich auf der Buy-​​Side gut mit den extrin­si­schen Anrei­zen ver­ein­ba­ren.

Im Jahr 2023 hat einer der Pio­niere der Ver­hal­tens­öko­no­mik für den Finanz­be­reich, David Hir­sh­lei­fer, zusam­men mit sei­nen Kol­le­gen Yus­hui Shi, and Weili Wu in einer Stu­die mit dem Titel: „Do Sell-​​Side Ana­lysts Say ‚Buy‘ While Whi­spe­ring ‚Sell‘?“ (NBER Working Paper No. 30032) das faus­ti­sche See­len­pro­blem von Ana­lys­ten in den USA näher unter­sucht.

Die Auto­ren zei­gen empi­risch, dass Sell-​​Side-​​Analysten für die kleine Gruppe von Fonds­ma­na­gern bzw. Finanz­pro­fis, die sie anspre­chen, sehr reich­hal­tige und prä­zise Ana­ly­sen ohne Optimismus-​​Bias anfer­ti­gen. Für die große Gruppe der nicht­pro­fes­sio­nel­len Anle­ger redu­zie­ren die Sell-​​Side-​​Analysten jedoch den Infor­ma­ti­ons­ge­halt sowie die Prä­zi­sion ihrer Ana­ly­sen und „hüb­schen“ sie mit einem Optimismus-​​Bias auf.

Die Auto­ren geben dafür eine infor­ma­ti­ons­öko­no­mi­sche Erklä­rung: Denn die Auf­recht­er­hal­tung einer sol­chen Infor­ma­ti­ons­dif­fe­renz ist Vor­aus­set­zung dafür, dass Port­fo­lio­ma­na­ger Infor­ma­ti­ons– und dar­aus sich erge­bende Performance-​​Vorteile gegen­über dem brei­ten, weni­ger gut infor­mier­ten Markt haben. Und das kommt dann wie­derum den Ana­lys­ten zugute, die die­sen Mehr­wert mit ihrer Arbeit erst ermög­li­chen.

Gene­rell stellt sich hier die Frage, wie man als Pri­vat­an­le­ger eine Sell-​​Side-​​Analyse über­haupt bewer­ten soll, wie man sie nut­zen kann, indem man sie ent­zerrt.

Häu­fige Emp­feh­lun­gen etwa lau­ten, die Kurs­ziele und die Bewer­tun­gen – Kau­fen, Hal­ten, Ver­kau­fen usw. – ein­fach zu igno­rie­ren.

In der Ana­lyse sollte man zudem die rhe­to­ri­schen Mit­tel, mit denen der Optimismus-​​Bias erzeugt wird, erken­nen, um sie durch rein sach­li­che For­mu­lie­run­gen zu erset­zen.

Dar­auf kann man wohl auch KI trai­nie­ren, die dann eine Ent­zer­rung vor­nimmt, wobei man auf­pas­sen muss, dass diese nicht ihrer­seits zu viel hin­ein­phan­ta­siert.

Hat man die Ver­zer­run­gen eini­ger­ma­ßen drau­ßen, dann – so ist die Ein­schät­zung – sind die Sell-​​Side-​​Analysen häu­fig sehr nütz­lich.

Wer den­noch aus Grün­den des Tem­po­ge­winns auf Kauf-​​, Halte– oder Ver­kaufs­be­wer­tun­gen sowie auf Kurs­ziele als Anhalts­punkte nicht ver­zich­ten möchte, sollte diese vor dem Hin­ter­grund der Gesamt­be­wer­tung nach unten kor­ri­gie­ren. Dafür gibt es ver­schie­dene mathe­ma­ti­sche Entzerrungs-​​Vorschläge, die auch schnell mal etwas kom­pli­zier­ter wer­den kön­nen.

Der Ver­fas­ser des News­let­ters hat pro­be­hal­ber von KI eine sol­che Kor­rek­tur am Bei­spiel der Rheinmetall-​​Aktie aus­füh­ren las­sen. Dabei ist aus „strong Buy“ (Kla­rer Kauf) ein „mode­rate Buy /​ Hold“ gewor­den. Und aus einem mitt­le­ren Kurs­ziel von 1.910 Euro hat die KI eines von 1.646 Euro gemacht.

Aller­dings muss man hier auf­pas­sen, weil man die Ergeb­nisse öffent­li­cher KI gerade bei sol­chen Auf­ga­ben nicht für bare Münze neh­men kann; bei den teils extre­men Hal­lu­zi­na­ti­ons­nei­gun­gen von KI sollte man das schon gründ­lich gegen­prü­fen – was hier aus Auf­wands­grün­den nicht gemacht wer­den konnte.

Zum Schluss muss noch wei­tere Ehren­ret­tung für Sell-​​Side-​​Analysten betrie­ben wer­den. Eine Stu­die von Adam Farago und Kol­le­gen bestä­tigt zwar, dass die Kurs­ziele und die Bewer­tun­gen von Sell-​​Side-​​Analysten sys­te­ma­tisch weit über­trie­ben sind. Wenn man aber ein Ran­king der Analysten-​​Bewertungen von Unter­neh­men /​ Aktien erstellt, stimmt die­ses ziem­lich exakt mit einem im Rück­blick vor­ge­nom­me­nen objek­ti­ven Leis­tungs­ran­king über­ein: Unter­neh­men, die Sell-​​Side-​​Analysten rela­tiv zu ande­ren weit oben (unten) ein­ord­nen, ste­hen auch beim Ver­gleich der rea­len Ergeb­nisse in der Regel weit oben (unten).