| Titel im Fokus | WKN |
|---|---|
| St. Str. SPDR Blb. 10+ U.S.Tr. Bb. ETF | A2ACRP |
Anleihen und die Zukunft der Fed: Zwischen Odysseus und Sphinx
Unser „Titel im Fokus“ ist der State Street SPDR Bloomberg 10+ Year U.S. Treasury Bond UCITS ETF USD Unhedged, den wir aber bereits unter „Käufe und Verkäufe“ kommentieren. Hier beschränken wir uns auf einen für unseren ETF relevanten Bestimmungsfaktor von Zinsen und Markterwartungen, der in der Berichtswoche ebenfalls in den Fokus rückte.
Denn neben der aktuellen Makroökonomie war an den Rentenmärkten auch die zukünftig zu erwartende Geld-Politik der US-Notenbank Thema. Und das stand im Zusammenhang mit einer Personalentscheidung.
Nach einer Reihe von vorgeschalteten Abstimmungen wurde am Mittwoch der Berichtswoche Kevin Warsh vom Senat als Fed-Präsident mit der knappsten jemals erzielten Mehrheit (54 zu 45) bestätigt; am 22. Mai soll er vereidigt werden.
Während Trump von Warsh vermutlich bald sinkende Leitzinsen erwartet, hofft Warsh womöglich, dass Trump die Leitzinsen selbst nach unten setzt. Denn man kann sich fragen, ob Trump nicht ungleich mehr Macht über die Leitzinsen hat als Warsh. Man könnte nämlich argumentieren, Trump könne über seine Politik die Bestimmungsgründe der Leitzinsen indirekt stärker beeinflussen als Warsh über seine Kommunikation und seine Stimme im FOMC direkt. Insofern wäre der US-Präsident der wahre Fed-Chef und Warsh könnte sagen: „Herr Präsident, weshalb senken SIE die Leitzinsen nicht, wenn Sie es sich so sehnlichst wünschen?“ Das wird er sicher so nicht sagen, denn zu viel verbindet ihn – noch – mit Trump.
Eine Ähnlichkeit zwischen beiden scheint in der Antwort auf die Frage zu liegen, wie berechenbar man für die Adressaten der eigenen Kommunikation sein möchte. Hier wirbt Warsh aus Flexibilitätsgründen für weniger Transparenz bzw. Selbstbindung der Fed, und das war auch Gegenstand in den Kommentaren in der Berichtswoche.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei die „Forward Guidance“ der Fed. Wir holen kurz ein wenig aus:
Paul Krugman veröffentlichte im Jahr 1998 Bahnbrechendes zur Liquiditätsfalle (Nominalzins nahe null), indem er zeigte, dass entgegen festgefügter Lehrbuchmeinung auch in diesem Fall Geldpolitik möglich sei. Wesentlich ist dabei – und das hatte Krugman das meiste Kopfzerbrechen bereitet – das Erwartungsmanagement der Notenbank, insbesondere ihre Glaubwürdigkeit, ein geldpolitisches Zielversprechen lange genug durchhalten zu können.
Auf Basis dieser und anderer Vorarbeiten entwickelten in der Folgezeit Gauti Eggertsson und Michael Woodford das Konzept der Forward Guidance.
Erstmals wurde es von Greenspan 2003 praktisch angewandt. Im Zuge der neuen, ungewohnten, immens komplexen und erklärungsbedürftigen Quantitative-Easing-Strategien nach der Finanzkrise wurde das Konzept für das Selbstverständnis der Fed-Kommunikation zentral. Denn die Fed musste bei den Adressaten auch das Gefühl erzeugen, jederzeit den Durchblick und die Sache sicher im Griff zu haben.
2012 differenzierten die Mitglieder der Fed von Chicago Jeffrey R. Campbell, Charles L. Evans, Jonas D.M. Fisher und Alejandro Justiniano die damals stark diskutierte Forward Guidance in eine „delphische“ und eine „odysseische“ Variante.
Delphisch meint, dass die Fed eine makroökonomische Prognose abgibt und ihre beabsichtigten geldpolitischen Maßnahmen kommuniziert, ohne sich auf einen bestimmten Handlungskurs festzulegen. Bei „odysseischer“ Forward Guidance bindet sich die Fed an den kommunizierten Handlungskurs, was aus der Zukunft informatorisch eine Gegenwart macht.
Eine neuere Arbeit auf Basis von Wortanalysen zeigt, dass bei der Fed odysseische und delphische Elemente koexistierten.
Nun sagte aber Warsh zuletzt Ende April, dass die Fed nicht mehr so viel prognostizieren und kommunizieren sollte und dass er auf Forward Guidance in der bisherigen Kommunikationsform gerne verzichten möchte. „Die Fed teilt der ganzen Welt mit … wie ihre Prognosen ausfallen werden. Nun, die Fed besteht aus Menschen – und so halten sie an diesen Prognosen länger fest, als sie es eigentlich sollten.“
Krugman, der wesentliche Ideen zur Forward Guidance beigesteuert hat, hält von dieser Ansicht so wenig wie von Warsh insgesamt und bekämpft beide mit seiner berüchtigten polemischen Schärfe.
Allerdings treten Selbstbindungs-Probleme vom Typ „Odysseus“ generell in Theorie und Praxis häufig und vielgestaltig auf, wie der norwegische Rational-Choice-Philosoph Jon Elster ausführlich zeigte, der solche Probleme in allen erdenklichen Varianten seit den 1970er Jahre rauf– und runterdeklinierte.
Möglich, dass die Fed eher durch eigene Erfahrung davon erfuhr als durch Elster-Lektüre, wofür die seit einiger Zeit intensivierte Diskussion über unerwünschte Nebenwirkungen von Forward Guidance Indiz ist.
Aber auch wenn man die Forward Guidance über Bord kippen würde, würde das nichts an dem Umstand ändern, dass die zwei Basis-Dimensionen des Kommunikations-Raums, in dem die Fed nur operieren kann, Odysseus (völlige Transparenz und Bestimmtheit) und Sphinx (Schweigen) sind. Dazwischen ist alles „irgendwie“ Delphi.
Wobei man in Delphi damals zwischen dem opferaufwendigen, also teuren Trance-Orakel, der Chresmomantie, und dem billigen binären Losorakel mit Bohnen, der Kleromantie, differenzierte. Die Chresmomantie mit ihren ausführlicheren Hexameter-Antworten nutzten in der Regel nur die Reichen, die Armen beschränkten sich auf die „ja“- oder „nein“-Antworten der Kleromantie.
Es könnte also sein, dass die armen Journalisten in Zukunft bei Fed-Pressekonferenzen nur noch „ja“ oder „nein“-Antworten auf ihre Fragen erhalten.
