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Com­merz­bank AG CBK100

Com­merz­bank: Über­nahme oder nicht?

In der Berichts­wo­che tauchte die Com­merz­bank in unse­rer Ver­kaufs­liste auf und die Aktio­näre der Com­merz­bank beka­men in etwa fol­gen­des Ange­bot zuge­schickt: „die Uni­credit S.p.A., Mai­land /​ Ita­lien bie­tet Ihnen bis zum 16. Juni 2026 an, Ihre Com­merz­bank AG Aktien im Ver­hält­nis 1 : 0,485 in neue Aktien der Uni­Credit S.p.A. – IT0005239360– zu tau­schen, …“

Das Ange­bot steht unter auf­schie­ben­den Bedin­gun­gen wie z.B. regu­la­to­ri­schen Geneh­mi­gun­gen (BaFin, EZB, EU-​​Wettbewerb) usw.

Bevor wir dar­auf näher ein­ge­hen, zuerst eine kurze Rück­er­in­ne­rung:

Das Ver­hält­nis zwi­schen Com­merz­bank und Uni­credit ist seit unge­fähr 2024 enger gewor­den, aber in asym­me­tri­scher Weise: Wäh­rend sich Uni­credit von der Com­merz­bank ange­zo­gen fühlt, ver­spürt man bei der Com­merz­bank die Kraft der Repul­sion.

Hin­ter­grund ist, dass Uni­credit in der euro­päi­schen Cham­pi­ons Lea­gue mög­lichst weit vorne spie­len möchte. Da der euro­päi­sche Ban­ken­markt immer noch rela­tiv stark natio­nal frag­men­tiert und über­dies deut­lich weni­ger pro­fi­ta­bel als das US-​​Großbankensegment ist, scheint hier unge­nutz­tes „Optimierungs“-Potential zu schlum­mern, das Unicredit-​​Chef Andrea Orcel nicht ver­schla­fen möchte.

Des­halb ver­folgt er seit Jah­ren kon­se­quent eine pan­eu­ro­päi­sche Idee für sein Geld­haus. Und das schließt eben auch und gerade den „Ban­ken­platz“ Deutsch­land mit ein.

Der gilt aller­dings als nicht ganz ein­fach, gerade für aus­län­di­sche Inter­es­sen­ten. Für sol­che kann jedoch die Com­merz­bank mit ihren mit­tel­stän­di­schen Fir­men­kun­den und den ver­stärkt digi­tal gebun­de­nen Retail­kun­den unter bestimm­ten Bedin­gun­gen den­noch attrak­tiv sein.

Die Bedin­gun­gen sind einer­seits struk­tu­rel­ler Natur, und das sind nicht nur Fra­gen des Ban­ken­mark­tes, son­dern bei­spiels­weise auch sol­che: Wie wird die Lage des Mit­tel­stan­des in Deutsch­land in ein, zwei Jahr­zehn­ten sein? Stich­wör­ter, die hier auf ihre Stich­hal­tig­keit zu prü­fen wären, sind etwa: Dein­dus­tria­li­sie­rung, Degrowth, inter­na­tio­nale Kon­kur­renz und Welt­markt­stel­lung, tech­no­lo­gi­sche Lage & Lücken.

Die Bedin­gun­gen sind ande­rer­seits stra­te­gi­scher Natur: Wie ver­hal­ten sich die für eine Annä­he­rung und schließ­lich eine Über­nahme der Com­merz­bank zen­tra­len Akteure, also etwa Regu­lie­rungs­in­stan­zen oder der deut­sche Staat oder die Kom­mu­ni­ka­to­ren mit gro­ßer Öffent­lich­keits­wir­kung – und natür­lich die Aktio­näre.

Nach dem Urteil der meis­ten Beob­ach­ter zeigte sich Unicredit-​​CEO Andrea Orcel in die­sem dor­ni­gen Spiel bis­her als gewief­ter Stra­tege und Tak­ti­ker, der für ihn güns­tige Lagen cle­ver aus­zu­nüt­zen ver­stand.

Andrea Orcel hält sich seit sei­ner Aus­bil­dung im Höchst­leis­tungs­be­reich der Finanz­welt auf. Er gilt als extrem: ana­ly­tisch, detail­ver­ses­sen, leis­tungs­for­dernd (an sich und andere), dis­zi­pli­niert, kom­pe­ti­tiv, hart gegen Leis­tungs­schwä­chere (also gegen fast alle ande­ren), erfolg­reich, schnell, erfah­ren mit kom­ple­xen „Deals“ usw. Sol­che Leute sind mit­un­ter in den stra­te­gi­schen Spie­len, die sie spie­len, ihre größ­ten Geg­ner sel­ber.

Dage­gen könnte jedoch die hohe Dis­zi­plin, die man Orcel nach­sagt, eine Vor­keh­rung sein. Jeden­falls spielte die Rolle des stärks­ten Geg­ners für Uni­credit im bis­he­ri­gen Ver­lauf der Annä­he­rung an die Com­merz­bank der deut­sche Staat nicht, wenn­gleich „er“ aktu­ell immer noch gegen die­sen Deal ist.

Begon­nen hatte das ein­sei­tige Begeh­ren von Uni­credit, als der deut­sche Staat im Sep­tem­ber 2024 einen Teil sei­ner Akti­en­be­tei­li­gung, näm­lich 4,5 Pro­zent ver­kaufte. Uni­credit nutzte dies und erwarb, teils über den Staat, teils über den Markt, zunächst rund 9 Pro­zent an der Com­merz­bank.

Ein wenig spä­ter wurde bekannt, dass Uni­credit zusätz­lich auch noch über Deri­vate Zugriff auf wei­tere Commerzbank-​​Aktien hatte. Unter Anwen­dung die­ser Tech­nik, die man von akti­vis­ti­schen Hedge­fonds oder stra­te­gi­schen Betei­li­gun­gen her kennt, wuchs der wirt­schaft­lich von der ita­lie­ni­schen Groß­bank kon­trol­lierte Anteil auf rund 21 Pro­zent.

Uni­credit bean­tragte bei der EZB die Geneh­mi­gung, die eige­nen Anteile an der Com­merz­bank auf bis auf 29,9 Pro­zent auf­zu­sto­cken. Man wollte unter jenen 30 Pro­zent blei­ben, ab denen nach deut­schem Über­nah­me­recht ein Ange­bot an die Aktio­näre Pflicht ist. Im Früh­jahr 2025 geneh­mig­ten die EZB und kurz dar­auf das Bun­des­kar­tell­amt die­ses Ersu­chen.

Die Com­merz­bank rea­gierte auf die Akti­vi­tä­ten von Uni­credit seit 2024 mit einer Her­auf­set­zung der Ren­di­te­ziele, mit Restruk­tu­rie­run­gen und Stel­len­strei­chun­gen, um den eige­nen Wert und damit den Preis für eine Über­nahme zu erhö­hen. Dar­über hin­aus ver­stärkte man das Bemü­hen, die Aktio­näre von den Vor­tei­len der Eigen­stän­dig­keit zu über­zeu­gen.

Die Abwehr­stra­te­gie der Wert­stei­ge­rung kann zwar auch nach hin­ten los­ge­hen, aber für die Aktio­näre hat sie Vor­teile, sofern man davon aus­geht, dass die Com­merz­bank nicht nur kurz­fris­tig optisch „opti­miert“, son­dern lang­fris­tig und „nach­hal­tig“.

Kom­men wir abschlie­ßend noch­mals zum Ange­bot in der Berichts­wo­che zurück. Für ein ernst gemein­tes Ange­bot ist nach Ansicht der meis­ten Beob­ach­tern das Tausch­ver­hält­nis von 1: 0,485 viel zu gering. Die Commerzbank-​​Aktie notiert der­zeit bei 36 Euro, die Unicredit-​​Aktie bei 69 Euro. Legt man diese Preise pro­be­hal­ber zugrunde, dann wäre eine Commerzbank-​​Aktie 33,47 Euro wert. Das ent­sprä­che einem Abschlag.

Übli­cher­weise geht man davon aus, dass bei Über­nah­men die­ser Art Auf­schläge in Höhe von viel­leicht 10 bis 40 Pro­zent gezahlt wer­den. Dass Uni­credit ein so gerin­ges Ange­bot abgibt, hat ver­schie­dene Gründe. Ins­ge­samt betrach­tet han­delt es sich jedoch nach Ansicht der meis­ten Beob­ach­ter nicht um ein „wirk­li­ches“ Ange­bot, son­dern viel­mehr um einen Test vor Ein­stieg in wei­tere Ver­hand­lun­gen. Damit möchte man auf­klä­ren, wie die ver­schie­de­nen Akteure rea­gie­ren – wobei nicht sicher ist, dass eine Über­nahme über­haupt zustande kommt oder von Uni­credit unbe­dingt ange­strebt wird.