| Titel im Fokus | WKN |
|---|---|
| SMA Solar Technology AG | A0DJ6J |
SMA: Der Wechselrichter im Wandel der Zeit
In unserer Kaufliste der Berichtswoche – allerdings nicht unter den first five – ist die Aktie der SMA Solar Technology AG verzeichnet, die u.a. im TecDAX enthalten ist. Das Unternehmen assoziieren viele vor allem mit der Herstellung von Wechselrichtern.
Das ist ein Indiz, dass der Wechselrichter den Gleichrichter in puncto Bekanntheitsgrad der Stromrichter schon längst überholt hat.
Zwar wird Schülern in jedem ordentlichen Physikunterricht anhand eines Brücken-Gleichrichters (Graetz-Schaltung) irgendwann demonstriert, wie überraschend einfach geniale Listen der Technik sein können. Und jeder Haushalt besaß gefühlt immer schon Gleichrichter – als Bestandteil von Netzteilen.
Als aber private Haushalte vermehrt Solarzellen auf ihre Hausdächer montieren ließen – was eine gewisse Beschäftigung mit den anzuschaffenden Gerätschaften erforderte – wurde der Wechselrichter bald zum Partygespräch – was dem Gleichrichter nie gelang.
Dazu trug auch SMA entscheidend bei.
Im Jahr 1981 gründeten die Elektroingenieure Günther Cramer, Peter Drews und Reiner Wettlaufer die System-, Mess– und Anlagentechnik (SMA) Regelsysteme GmbH. Zuvor waren sie wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Kassel von Prof. Dr. Werner Kleinkauf gewesen, mit dem sie auch weiterhin kooperierten. Sie interessierten sich, wie wir der Eigenbeschreibung von SMA entnehmen, besonders für regeltechnische Probleme einer dezentralen Stromversorgung und deren Lösungen.
Ganz am Anfang backte man noch kleine Brötchen: Das Ingenieursbüro mit anhängender Bastelwerkstatt startete im Gebäude einer ehemaligen Bäckerei. Bald expandierte man und zog um; seit 2010 residiert man in der Sonnenallee. Nicht in Berlin, sondern in Niestetal im Landkreis Kassel.
Die neue Straße im damals frisch erschlossenen Industriegebiet wurde so benannt, weil sich das ansiedelnde Unternehmen bereits auf Wechselrichter im Rahmen der Nutzung von Sonnenenergie spezialisiert hatte.
Denn als in den frühen 90er Jahren der deutsche Staat das „1000-Dächer-Photovoltaik-Programm“ auflegte, fokussierten sich auch die SMA-Ingenieure auf Wechselrichter für Solaranlagen, die den Gleichstrom der Photodioden in einphasigen Wechselstrom oder dreiphasigen Drehstrom für das Netz verwandeln.
Seither beteiligte sich SMA an den verschiedenen Evolutionsstufen von Wechselrichtern ganz vorne an der Entwicklungsfront.
Eine online zugängliche hauseigene Schrift mit dem Titel „Entwicklung der Stromrichtertechnik zur Netzanbindung von PV-Anlagen“ zeichnet die Evolution im Zeitraum der späten 80er bis mittleren 2000er Jahre nach.
Eine frühe Wegmarke ist die Ersetzung des Thyristors durch schalttechnisch flexiblere Transistoren im Zentralwechselrichters PV-WR 1800 von SMA. Eine andere – 1995 vorgestellt – war Sonny Boy 700, der weltweit erste kommerziell genutzte String-Wechselrichter.
Auf SMA geht eine Vielzahl von Neuerungen zurück, im jüngsten Halbjahresbericht 2026 heißt es: „Zum Ende des Berichtszeitraums hält die SMA Solar Technology AG weltweit 1.620 erteilte oder eingetragene Patente und Gebrauchsmuster. Zudem waren zum Stichtag 30. Juni 2026 noch 491 weitere Patentanmeldeverfahren nicht abgeschlossen. Darüber hinaus hält die SMA Solar Technology AG die Rechte an 1.486 eingetragenen Marken.“
Eine Zeitlang – ab den mittleren 90er, 00er und frühen 10er Jahren – machten Wechselrichter den allergrößten Teil des Umsatzes aus. Zu dieser Konzentration ermunterte auch das deutsche EEG von 2000.
2008 erfolgte der Börsengang von SMA. Durch Konkurrenz, vor allem aus China, geriet SMA jedoch mit der Zeit immer stärker unter Druck. In Reaktion darauf baute das Unternehmen Personal ab, strukturierte wiederholt um und erweiterte seine Produktpalette, wobei man zunehmend auch Systemlösungen anbot.
Der jüngste Restrukturierungsschritt erfolgte im Mai 2025, als man das Unternehmen in zwei Säulen differenzierte: in Home & Business Solutions und in die Large Scale & Project Solutions.
Das Segment „Home & Business Solutions“ ist zuständig für Photovoltaik-Systeme (Wechselrichter plus Energiemanagement, Speicher, Backup, sowie E-Mob-Ladeinfrastruktur, Digitalisierung) für Privat– und Gewerbekunden. Es generierte im ersten Halbjahr 2026 rund 21 Prozent des Umsatzes der SMA-Gruppe. Zugleich stieg der (externe) Umsatz in diesem Segment um 24,5 Prozent auf 144,5 Mio. € gegenüber der ersten Jahreshälfte 2025.
Der Bereich „Large Scale & Project Solutions“ steuerte im ersten Halbjahr 79 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Der Außenumsatz dieses Segments ging im ersten Halbjahr 2026 um 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 542,1 Mio. € zurück. Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) sank auf 78,3 Mio. € (1. Halbjahr 2025: 113,4 Mio. €). Als Gründe für den Gewinnrückgang gab SMA außer dem Umsatzrückgang höhere planmäßige Abschreibungen und gestiegene Aufwendungen im Zusammenhang mit Verschrottungen an.
Die im bedeutend gewichtigeren Segment „Large Scale & Project Solutions“ angebotenen Produkte stehen im Zusammenhang mit Großstrukturen, wie beispielweise der Re-Stabilisierung von Stromnetzen, die durch den fortschreitenden Ausbau erneuerbarer Energien, aber auch durch neue, volatile Großverbraucher auf der Entnahmeseite destabilisiert werden.
Ein solches Stabilisierungsbeispiel ist ein Projekt in Blackhillock, Schottland, wo die Windkraft massiv ausgebaut worden ist. Für dieses Projekt lieferte SMA Wechselrichter (Grid-Forming Inverters). Mit einer geplanten Kapazität von 600 Megawattstunden und einer installierten Leistung von 300 MW nach Fertigstellung wohl im Jahr 2027 handelt es sich um einen der größten europäischen Batteriespeicher zur Netzstabilisierung. Zweck des Speichers ist es, ein Netz, dessen Leistung bzw. Frequenz „einbricht“, kurzfristig zu stützen. Darüber hinaus stellt das System Kurzschlussstrom zur Verfügung, was erforderlich ist, um Kurzschlüsse im Netz lokalisieren und durch Abschaltungen isolieren zu können. Auch diese Funktion leidet unter Erneuerbaren.
Der Batteriepuffer reagiert im unteren Millisekunden-Bereich auf Frequenzabfall und versorgt dann das Netz temporär – meist wohl einige Sekunden bis Minuten (theoretisch wäre der Speicher bei 300 MW Leistung nach 2 Stunden entleert) – mit der zugesagten Leistung. Sofern erforderlich, muss der Batteriepuffer den Zeitraum überbrücken können, in dem langsamer reagierende Systeme (wie Pumpspeicherkraftwerke oder schnellstartende Gasturbinen) vom Netzbetreiber hochgefahren werden. Damit hat dann der Batteriepuffer seine Aufgabe auch schon erledigt.
Lange trugen die Schwungmassen der großen Generatoren in Kombination mit Dampfturbinen als Momentanreserven quasi nebenbei und umsonst entscheidend zur Netzstabilisierung bei. Diese im Grunde einfache Kinetik fällt aber mit dem steigenden Anteil Erneuerbarer zunehmend aus.
Eine Zwischenbemerkung dazu: Interessanterweise baute man in Blackhillock – mit Beteiligung von Siemens Energy – außerdem auch noch ein intrinsisch mit Wechselstrom arbeitendes Puffersystem zur Netzstabilisierung mit einem Schwungrad, das an eine Synchronmaschine angebracht ist, um Rotationsenergie zu nutzen. Die Maschine wirkt, wenn das Netz stabil ist, als Motor im Leerlauf, der vom Netz versorgt wird, im Pufferfall wirkt sie als Generator, der das Netz kurzfristig stützt.
Starke plötzliche Leistungsveränderungen auf der Abnehmerseite wirken ebenfalls destabilisierend auf Stromnetze. Der Anteil volatiler Verbraucher hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Gerade das KI-Training bewirkt abrupte Lastsprünge. Auch für dieses Problem bietet SMA neuerdings Lösungen an.
Mit dem wachsenden Anteil Erneuerbarer auf der Erzeugerseite und der Zunahme volatiler Großverbraucher wird das Netz also instabiler, Netzstabilität wird selbst zu einem immer knapperen Gut und damit zu einem wachsenden Geschäftsfeld, auch für SMA.
Zugleich geht der Erhalt der Netzstabilität mit einem unglaublichen Technologie– und Komplexitätszuwachs einher. Dabei wird die Gewährleistung einer stabilen Stromversorgung zunehmend von harmonisch-gleichförmig rotierender träger „Materie“ (mechanische „Energie“) auf rastlose elektrische Verarbeitung quecksilbrig-unruhiger „Information“ umgestellt – auf Digitalisierung, KI und dergleichen, d.h. fundamental: auf immer riesigere Mengen von elektronischen Kleinst-Schaltprozessen. Die Netzstabilisierung wird also gewissermaßen vom Bauch ins Hirn verschoben, wenn dieser schräge Vergleich gestattet ist.
Für Anbieter wie SMA scheint das einen doppelten Vorteil zu haben. Denn SMA trägt – beim Wechselrichter mit ein und demselben Kernbauteil – einerseits zur Destabilisierung des Stromnetzes durch Einsatz Erneuerbarer bei, andererseits zu dessen (Re-)Stabilisierung. Man hilft also das Manko zu beseitigen, das man an anderer Stelle als nichtintendierten negativen Nebeneffekt mit befördert.
Und wenn umgekehrt Stabilisierung mit hohem technologischem Aufwand gelingt, schwindet der technische sowie anderer Widerstand gegen den weiteren Ausbau volatiler Erzeuger (oder Abnehmer). So betrachtet kein schlechtes Geschäftsmodell.
Wie sehen das die Aktionäre? Die Aktie von SMA Solar Technology hat seit Jahresbeginn 12 Prozent eingebüßt. Der Aktie startete ihre Börsenkarriere 2008 bei einem Kurs von 55,50 Euro, am Ende der Berichtswoche Nr. 43 war sie mit 47,50 Euro bepreist. Im Juni 2013 hatte sie mit 112 Euro ihr Allzeithoch, im November 2024 mit unter 12 Euro ihr Allzeittief. Danach hat sie sich sachte, dann kräftiger nach oben entwickelt. Am 28. Mai 2026 stand sie bei über 68 Euro, am Dienstag 13. Oktober immer noch bei über 62 Euro. Danach sackte sie ab, aktuell (27.10.) steht sie bei rund 49 Euro.
Am 22.10.26 schrieb dpa-AFX Analyser: “Deutsche Bank Research hat das Kursziel für SMA Solar vor Zahlen zum dritten Quartal von 77 auf 78 Euro angehoben und die Einstufung auf ‚Buy‘ belassen. Umsatz und Gewinn des Wechselrichter-Herstellers dürften zum Vorquartal gestiegen sein, schrieb Olivia Pulvermacher in einem am Donnerstag vorliegenden Ausblick. Der Auftragsbestand stütze ein stärkeres zweites Halbjahr.“ Die Kursziele der meisten anderen Analysten liegen ebenfalls deutlich über dem aktuellen Kurs, der Markt scheint indessen eher skeptisch zu sein. Eine von uns erfasste Vermögensverwaltung kaufte jedoch in der Berichtswoche Aktien von SMA.
