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On Hol­ding AG A3C20K

Bikila 1&2, Ver­sion X.y. – wer setzt sich beim unend­li­chen Mara­thon durch? On etwa?

Eine von uns erfasste Ver­mö­gens­ver­wal­tung erwarb in der Berichts­wo­che Aktien der On Hol­ding AG bzw. kurz On. „Die On AG ist ein Unter­neh­men mit Haupt­sitz in Zürich, das sich auf das Design, die Ent­wick­lung und den Ver­kauf von Lauf­schu­hen spe­zia­li­siert hat. Schwer­punkt ist ein paten­tier­tes Dämp­fungs­sys­tem für Lauf­schuhe, wel­ches beim Lau­fen Vor­teile ver­schaf­fen soll“ (Wiki­pe­dia).

Diese For­mu­lie­rung ist durch­aus hin­ter­sin­nig, denn erfah­rene Läu­fer fra­gen sich schon auch des Öfte­ren, ob ihre neuen Lauf­schuhe über­haupt Vor­teile beim Lau­fen ver­schaf­fen sol­len. Und auch wenn die Schuhe nach Über­zeu­gung eines Her­stel­lers Vor­teile ver­schaf­fen, bedeu­tet das nicht, dass sie das auch wirk­lich tun. Zwi­schen Sein und Sol­len nis­tet sich bekannt­lich gerne eine Lücke ein. Manch­mal ver­schaf­fen Lauf­schuhe ihren Trä­gern eben auch sehr spür­bare Nach­teile, etwa in Form von Beschwer­den. Mit „Nach­teil“ mei­nen wir: rela­tiv zum natu­ra­len Bezugs­sys­tem.

Wir kön­nen das am sport­his­to­ri­schen Bei­spiel eines der Bes­ten der Bes­ten ever im Lang­lauf erläu­tern.

Die bei­den Äthio­pier Abebe Bikila und Abebe Wak­gira hat­ten zwar für den Mara­thon­lauf bei den olym­pi­schen Spie­len in Rom 1960 eigene Lauf­schuhe mit­ge­bracht; die waren aber vom Trai­ning her bereits so sehr zer­schlis­sen, dass sie für die Stre­cke in Rom nicht mehr ver­wen­det wer­den konn­ten. Beide Läu­fer pro­bier­ten des­halb vor Ort ver­schie­dene neue Lauf­schuhe aus, beka­men davon aber Bla­sen.

Zugleich zeig­ten letzte Leis­tungs­tests ihres finnisch-​​schwedischen Trai­ners Onni Nis­ka­nen, dass beide Läu­fer auch bar­fuß – im Trai­ning lie­fen sie teils mit Schu­hen, teils bar­fuß – abso­lut kon­kur­renz­fä­hig waren. Des­halb bewäl­tig­ten beide die Mara­thon­stre­cke ohne Schuhe. Der 28-​​jährige Bikila gewann in Welt­re­kord­zeit (2:15:16,2), der 38-​​jährige Wak­gira wurde 7ter (2:21:09,4).

Anders als man viel­leicht spon­tan mei­nen könnte, waren Nis­ka­nen und Bikila sowie Wak­gira damit im Grunde ihrer Zeit weit vor­aus, indem sie die trai­nierte spe­zi­elle Bar­fuß­lauf­fä­hig­keit „aus­münz­ten“.

Denn spä­ter kam die Sport­wis­sen­schaft zu der Erkennt­nis, dass Bar­fuß­lau­fen ers­tens einen effi­zi­en­ten Mittel-​​Vorfußlauf ermög­licht im Gegen­satz zum bei den dama­li­gen Lauf­schu­hen in der Regel prak­ti­zier­ten Fer­sen­erst­auf­satz. Bikila und Wak­gira konn­ten bei die­sem Lauf­stil ihre vom Bar­fuß­trai­ning gestärk­ten Achil­les­seh­nen und Waden­mus­keln bes­ser als Federn nut­zen und somit eine starre Impuls­wei­ter­gabe an die Hüfte ver­mei­den.

Zwei­tens war beim Bar­fuß­lau­fen die Schritt­fre­quenz höher bei zugleich kür­ze­ren Schrit­ten, was u.a. die Brems­wir­kung beim Boden­kon­takt mini­miert.

Drit­tens war die Pro­prio­zep­tion beim Lau­fen ohne Schuhe ver­bes­sert. Die letz­ten 10 km des Rom-​​Marathons führ­ten über die sehr grob bepflas­terte Ori­gi­nal­stre­cke der Via Appia (die ab 312 v. Chr. gebaut wurde, wäh­rend der heute als Legende betrach­tete Lauf von Mara­thon nach Athen im Jahr 490 v. Chr. statt­ge­fun­den haben soll). Bikila und Wak­gira konn­ten auf die­sem ori­gi­na­len anti­ken Kopf­stein­pflas­ter bar­fuß siche­rer und fle­xi­bler auf­tre­ten als die beschuh­ten Kon­kur­ren­ten. Denn die mensch­li­che Fuß­sohle ver­fügt über Unmen­gen an Rezep­to­ren, die eine mus­ku­läre Fein­an­pas­sung an die Boden­be­schaf­fen­heit erlau­ben.

Vier­tens spart man ohne Schuhe Gewicht.

Den­noch zog Bikila bei den olym­pi­schen Spie­len in Tokyo 1964 für den Mara­thon­lauf Puma-​​Schuhe an und been­dete das Ren­nen mit einem neuen Welt­re­kord (2:12:11,2).

Man könnte daher ver­mu­ten, dass es schon auch Lauf­schuhe gibt, die ihre Vor­teile haben. Die Frage wäre dann, ob man die Vor­teile ohne Schuhe (Bikila 1) und die mit Schu­hen (Bikila 2) so ver­ei­nen kann, dass ein opti­ma­ler Lauf­schuh (Bikila 1&2) dar­aus wird.

Man könnte die Pro­dukte von On-​​Running als einen sol­chen Ver­such wer­ten, der nach dem Urteil der meis­ten Bewer­ter ins­ge­samt posi­tiv aus­ge­fal­len ist und seit Start des wohl hoch­gra­dig lern­be­rei­ten Start-​​ups auch immer bes­ser gewor­den ist.

Aller­dings unter­schei­det sich On damit nicht von den füh­ren­den Lauf­schuh­her­stel­lern, denn die Syn­these Bikila 1&2, Ver­sion X.y ist schon längst Indus­trie­stan­dard, der in Abhän­gig­keit von der tech­ni­schen Ent­wick­lung immer wei­ter nach oben geschraubt wird – ohne aber die wah­ren Biki­las die­ser Welt je zu errei­chen.

On-​​Running wurde 2010 gegrün­det. Einer der Grün­der war der 8-​​malige Duathlon-​​Weltmeister und 5-​​malige Ironman-​​Switzerland-​​Sieger Oli­vier Bern­hard, der beim Iron­man auf Hawaii im Jahr 1999 mit Rang 5 seine beste WM-​​Platzierung erzielte.

Zur Zeit der Fir­men­grün­dung gab es bei Lauf­schu­hen zwei Extrem­ent­wick­lun­gen: Zum einen beka­men Lauf­schuhe eine immer stär­kere Dämp­fung ver­passt, immer dickere Soh­len kop­pel­ten die Läu­fer vom Boden ab und fin­gen dadurch auch eine Menge Ener­gie unge­nutzt ab.

Zum ande­ren hatte sich eine Lauf­be­we­gung unter dem Begriff „Natu­ral Run­ning“ aus­ge­brei­tet, die zu immer dün­ne­ren Schuh­soh­len neigte, wenn Bar­fuß­lau­fen zu her­aus­for­dernd war.

Rich­tig ent­facht wurde der Natural-​​Running-​​Trend von dem Jour­na­lis­ten Chris­to­pher McDou­gall, der sich mit Cushion Shoes mas­sive Lauf­be­schwer­den ein­ge­fan­gen hatte. Start­schuss des Hypes war sein im Jahr 2009 ver­öf­fent­lich­ter Best­sel­ler „Born to Run: A Hid­den Tribe, Super­ath­le­tes, and the Grea­test Race the World Has Never Seen“. Keine Frage, schon wer so einen Buch­ti­tel kre­iert, hat es ver­dient, auf der „The New York Times Best Seller“-Liste die Nase vier Monate vorne zu haben.

Auch Oli­vier Bern­hard hatte gegen Ende sei­ner Kar­riere (2005) mit Achillessehnen-​​Problemen zu kämp­fen, die weder durch die domi­nie­ren­den dicken noch durch dünne Lauf­schuh­soh­len zu behe­ben waren. Daher trat er einer Eigen­ent­wick­lung bei, bei der ursprüng­lich ein Gar­ten­schlauch Teil einer von meh­re­ren zün­den­den Ideen war.

Auf diese war der Schwei­zer Maschinenbau-​​Ingenieur Jürg Braun­schwei­ler gekom­men, der sei­ner­seits öfters unter Lauf­be­schwer­den litt und seit den 1990er Jah­ren an schuh­spe­zi­fi­schen Pro­blem­lö­sun­gen her­um­ge­tüf­telt hatte. Bald war die Tech­no­lo­gie über den Gar­ten­schlauch hin­aus­ent­wi­ckelt und mit Hilfe einer süd­ko­rea­ni­schen Firma ließ Braun­schwei­ler eine erste Serie (das waren 5000 Paar Schuhe) fer­ti­gen.

Er lud den Profi-​​Triathleten Bern­hard über Dritte erfolg­reich ein, Schuhe die­ser Serie auch mal aus­zu­pro­bie­ren. Spä­ter ver­kaufte er an die Gruppe um Bern­hard zunächst eine Lizenz, dann im Jahr 2009 sein Patent.

(Anmer­kung: Jürg Braun­schwei­ler ver­kaufte wohl nur das Patent für Sport­schuhe, die Braunschweiler-​​Firma GNL unter Lei­tung sei­nes Soh­nes Eric stellt Snea­kers her, die auf einer abzwei­gen­den Wei­ter­ent­wick­lung beru­hen; siehe hierzu: „‘GNL‘ ist das neue Sneaker-​​Label aus der Schweiz“, von Malena Ruder, Mode, Bel­le­vue NZZ, 24.02.2018; auch die Home­page GNL Foot­ware ent­hält Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen über die Ent­wick­lung).

Zur in wei­te­ren Krei­sen der Öffent­lich­keit ver­brei­te­ten „On“-Story gehört auch, dass der Höchst­leis­tungs­sport­ler Bern­hard in der kom­mu­ni­zier­ten Rück­er­in­ne­rung mit der Zeit den Erfin­der Braun­schwei­ler so sehr über­strahlte, dass der Name Braun­schwei­ler gar nicht mehr auf­tauchte – auch in den Eigen­be­schrei­bun­gen von „On“ nicht – so dass bei flüch­ti­ger Recher­che der Ein­druck ent­steht, Bern­hard habe die Sache mit dem Gar­ten­schlauch erfun­den. Des­halb haben wir die­sem Aspekt hier etwas mehr Platz ein­ge­räumt.

Zugleich zeigt diese menschlich-​​allzumenschliche, auch stra­te­gisch ver­ständ­li­che Meta­mor­phose der Erin­ne­rung, was wohl nie­mand bestrei­tet, selbst jene nicht, die von „On“-Schuh-Lösungen bis­lang nicht rest­los begeis­tert waren: „On“ ist wahr­haft welt­meis­ter­lich was das Mar­ke­ting anbe­langt. Und dazu gehört eben immer auch eine gute Story mit Street-​​Credibility in der Lauf­ge­meinde, in die­sem Fall im wahrs­ten Sinne des Wor­tes: Die Lei­dens­zeit auf dem Teer – die Erlö­sung durch einen Gar­ten­schlauch – die Auf­fahrt zu Wolke 7 durch On.

Aus den ursprüng­li­chen Gartenschlauch-​​Elementen wur­den näm­lich spä­ter jene Hohl­kam­mern für den Sport­schuh­be­reich, die On als Cloud bezeich­net. Gemeint war, dass man mit den neuen Soh­len wie auf Wol­ken laufe.

Und als Zwi­schen­be­mer­kung ein klei­nes Indiz, das für feine inter­dis­zi­pli­näre Zeitgeist-​​Nasen bei On spricht: Zur Grün­dungs­zeit von „On“ 2010 erreichte auch der Cloud-​​Computing-​​Hype sein Maxi­mum gemäß Gart­ner Hype Cycle (siehe: „Cloud Com­pu­ting Secu­rity and Pri­vacy: An Empi­ri­cal Study“; Shirazi, Sed­dighi, Iqbal, in: M. Kurosu (Ed.): HCI 2017, Part II, LNCS 10272, pp. 534 – 549, 2017., Arti­kel auch online ver­füg­bar).

Cloud-​​Schuhe sind mit geeig­net struk­tu­rier­ten Quer-​​Löchern in der dicken Sohle so ver­se­hen, dass man durch diese seit­lich durch­schauen kann. Das Sys­tem wurde dann so kon­stru­iert, dass die Schuhe einer­seits über eine 3-​​D-​​Dämpfung vor den „Schlä­gen“ gerade beim Asphalt­lauf schüt­zen, indem die offe­nen Hohl­kam­mern zusam­men­ge­drückt wer­den.

Ande­rer­seits unter­stützt die Sohle eine dyna­mi­sche Abroll­be­we­gung über den Vor­der– und Mit­tel­fuß und die Nut­zung der Seh­nen– und Waden­kraft des Fußes, wobei ein spä­ter ent­wi­ckel­tes soge­nann­tes Speed­board selbst als Feder dient. Also schon eine Bikila-1&2-Lösung einer neue­ren Ver­sion.

Das Unter­neh­men On-​​Running hat die Schuhe seit­her lau­fend wei­ter­ent­wi­ckelt, die letz­ten Evo­lu­ti­ons­stu­fen umfas­sen in der Her­stel­lung Robo­ter­sprüh­tech­nik, hoch­ent­wi­ckelte Super-​​Schäume und com­pu­ter­op­ti­mierte Soh­len­struk­tu­ren, bei neuen Schu­hen wer­den auch die Spee­boards ersetzt.

Das Unter­neh­men gilt inzwi­schen als in der Breite der Laufschuhmacher-​​Kunst an der Ent­wick­lungs­front ange­kom­men.

Die On Hol­ding AG ist seit dem 15. Sep­tem­ber 2021 an der Börse gelis­tet, und zwar an der New York Stock Exch­ange. Der Aus­ga­be­preis pro Aktie lag bei 24 US-​​Dollar, wobei die Aktie schon am ers­ten Tag auf 35,40 USD sprang. Aktu­ell (20.10.26) steht der Kurs bei 35,44 USD. Anfang 2025 ging es auch schon mal auf über 62 USD hoch. Die Aktie ist bis­lang ein typi­scher Berg­läu­fer, d.h. nach dem lan­gen Auf­stieg muss­ten bis­her vier län­gere knie­be­las­tende Han­g­ab­wärts­wege – unter­bro­chen von Zwi­schen­auf­stie­gen – gemeis­tert wer­den, wobei der Trend seit 2025 nach unten zeigt.

Das Unter­neh­men selbst unter­liegt einer sehr star­ken Wachs­tums­dy­na­mik, die Aktie ist des­halb ein typi­scher Growth-​​Titel. Zugleich hat On Hol­ding die Pro­dukt­pa­lette auch auf Lauf­klei­dung sowie andere Sport­ar­ten erwei­tert.

Damit nähert sich das Unter­neh­men aus einer Nische kom­mend ande­ren Kon­kur­ren­ten struk­tu­rell an, was das ursprüng­lich sorg­sam gepflegte Allein­stel­lungs­merk­mal „Evo­lu­tion des Gar­ten­schlauchs unter dem Lauf­schuh“ ver­wäs­sern bzw. ver­blas­sen las­sen wird.

Den­noch erach­ten viele Markt­be­ob­ach­ter die Aktie der­zeit als unter­be­wer­tet und mes­sen ihr im Ein­klang mit dem Manage­ment ein wei­ter­hin sehr hohes Wachs­tums­po­ten­tial zu.