| Titel im Fokus | WKN |
|---|---|
| Seanergy Maritime Holdings Corp | A3D7NL |
Handymax & Co
Handymax – ist keine Größe für den Stauraum in Hosentaschen. Aber es handelt sich um etwas ganz Ähnliches.
Handymax, Supramax, Panamax, Capesize oder Newcastlemax kategorisieren die Abmessungen, Ladungsgewichte oder Ausstattungsmerkmale von Massengutfrachtern, die international als Bulk Carriers bezeichnet werden (andere Frachter-Sorten oder Schiffskategorien haben ähnliche und partiell die gleichen Einteilungen). Ein Massengutfrachter transportiert lose Massengüter wie z.B. Kohle, Erz, Zement oder Getreide.
Handymax ist, wie Wikipedia aufklärt, ein Massengutfrachter mit bis zu 45.000 TDW (Tons Deadweight) Zuladungsgewicht, er ist kürzer als 190 m und schmaler als 32,27 m sowie häufig mit eigenem Ladegeschirr ausgestattet.
Schiffe der Panamax-Kategorie sollten den (alten) Panamakanal passieren können und dürfen deshalb nicht länger als 294,3 m und nicht breiter als 32,27 m sein bei einem maximalen Tiefgang von 12,04 m (Im Original Inch-Angaben).
Warum das alles an dieser Stelle? Weil mit der Seanergy Maritime Holdings Corp. eine Reederei in unserer Verkaufsliste der Woche auftauchte, die auf den Transport von Massen– bzw. Schüttgütern spezialisiert ist.
Die Reederei hat ihren operativen Sitz in Glyfada, einem sehr edlen Vorort von Athen.
Die Flotte von Seanergy Maritime umfasst nach Angaben der Homepage des Unternehmens gegenwärtig 19 Schiffe mit einem Durchschnittsalter von 15,1 Jahren und insgesamt 3.463.843 TDW; im Jahr 2025 wurden 19.252.717 Tonnen Fracht transportiert.
Seanergy besitzt diese Frachtschiffe, stellt die Besatzung, macht die Verwaltungsarbeit, vermietet bzw. verchartert aber die Transportkapazitäten.
Der größte Schiffstyp, den die Reederei einsetzt, hat das Maß „Newcastlemax“. Diese Schiffe müssen in den größten Kohlehafen der Welt – im australischen Newcastle – reinpassen. Sie dürften daher nicht breiter als 47 m sein und keine höhere Zuladung als 180.000 Tonnen haben. Newcastlemax ist Subkategorie von Capesize.
Seanergy Maritime fokussiert sich auf das Geschäft mit Massengutfrachtern vom Typ Capesize. Capesize-Schiffe sind zu groß, um den Suezkanal oder den Panamakanal zu passieren und müssen daher die Cape-Routen (Kap Hoorn bzw. das Kap der Guten Hoffnung) nehmen.
Daraus kann man schon die Vermutung ableiten, dass die Schiffsrouten für die meisten Transporte dieser Rederei auch dann nicht durch den Suezkanal oder Panamakanal führen würden, wenn die Schiffe kleiner wären. Und das ist richtig. Denn die Frachter von Seanergy Maritime transportieren überwiegend Eisenerz und Kohle, teilweise auch Bauxit oder andere Schüttgüter.
Der Transport erfolgt insbesondere entlang den klassischen Langstrecken-Rohstoffrouten von Südamerika oder Australien, teils auch Afrika, nach Asien oder Europa. Eine Hauptroute der Seanergy-Schiffe ist die von Brasilien nach China für den Transport von hochwertigem Eisenerz.
Damit ist das Geschäftsmodell des Unternehmens, das auf Mietverträgen (Charter-Modell) beruht, weitgehend unabhängig von dem geopolitisch sehr empfindlichen Seeweg durch das Roten Meer und den Suez-Kanal.
Was bedeutet nun das Charter-Modell in diesem Fall?
Wir schauen hierfür zuerst bei dem in Rotterdam ansässigen maritimen Dienstleistungs– und Beratungsunternehmen Virtue Marine im Blog unter “Ship Charters – Types, Differences & Merits of Each Type“ (10.08.2024, update 30.04.2025) nach.
Dort steht geschrieben: “The three primary types of ship charters are voyage charters, time charters, and bareboat charters”.
Im Rahmen des Voyage Charters, auch Spot(market)-Charters genannt, werden Schiffe kurzfristig – für eine Reise – vermietet. „Spot“ verweist darauf, dass der Preis stark von einem Marktindex für die Mietkosten von maritimen Transportkapazitäten abhängt.
Im Rahmen eines Time-Charters-Regimes werden zu vorab vertraglich vereinbarten Preisen Schiffe mittel– bis langfristig (meist 12 bis 18 Monate) vermietet. Die Mieter oder Charterer bestimmen dann selber bedarfsabhängig die genauen Routen bzw. Häfen. Dieses Modell ist am weitesten verbreitet.
Bei Bareboat-Charterverträgen bzw. „Demise-Charter“ hat der Charterer für einen vereinbarten Zeitraum die volle Kontrolle über das Schiff, Verwaltung und Wartung inklusive, und muss für die damit verbundenen Kosten aufkommen. Das Bareboat-Modell spielte jedoch 2025 für Seanergy keine Rolle (siehe unten).
Frachtkosten werden üblicherweise auf grundlegendste physikalische Einheiten bezogen (Raum, Zeit, Masse) – meist als Dollar pro Tonne oder Dollar pro Tag, und in dieser Form als Frachtraten bezeichnet.
Der wichtigste Frachtraten-Index für Schüttguttransporte auf See ist der Baltic Dry Index (BDI). Er wird arbeitstäglich von der Baltic Exchange in London veröffentlicht und gilt als einer der wichtigsten Frühindikatoren für die globale Konjunktur.
Ein Teilindex des BDI ist der Baltic Capesize Index (BCI), der nur die Frachtraten für den Transport mit Schiffen der Capesize-Größe erfasst.
In der Information für das Finanzjahr 2025 auf der Homepage von Seanergy lesen wir:
„Derzeit sind alle unsere Schiffe im Rahmen von Time-Charter-Verträgen beschäftigt, deren Tagessätze an den Baltic Capesize Index (BCI) gekoppelt sind. Bei zwei dieser Schiffe umfasst die tägliche Charterrate jedoch einen garantierten Mindestsatz sowie eine Gewinnbeteiligung, die auf einem Aufschlag gegenüber dem täglichen BCI-Wert basiert. Obwohl keines unserer Schiffe derzeit auf Spotmarktbasis (d.h. Voyage-Charter) eingesetzt wird, könnten wir zusätzlich erworbene Schiffe entweder auf Spotmarkt-Basis oder im Rahmen von indexgebundenen bzw. fest vereinbarten Time-Charter-Verträgen betreiben.“
Frachtraten-Indizes können sehr stark schwanken.
Den Chart-Angaben von stockq.org ist zu entnehmen, dass am 14.09. der BCI 78 Prozent über dem Jahresstartwert lag. Zwischen dem 15. Januar 2026 und dem 4. September 2026 stieg der Index sogar um 195 Prozent auf bis zu 6427 Punkte. In der zweiten Hälfte der Berichtswoche gab er deutlich nach, am 14.9. lag er bei 5912 Punkten.
Man sieht, der BCI neigt zu extremen Schwankungen und gilt als der volatilste maritime Frachtraten-Index überhaupt. Der BCI reagiert insbesondere auch sehr stark auf die Nachfrage nach Stahl/Erz in China.
Wie sieht es mit der Seanergy-Aktie aus? Das Unternehmen hat fast 22 Mio. Aktien ausgegeben, wovon sich rund 15 Mio. im Streubestiz befinden. Der liquideste Handel der Aktie findet an der US-Börse NASDAQ statt.
Schaut man sich den langfristigen Kursverlauf der Aktie an, fallen teils extreme Kurseinbrüche in der Vergangenheit auf, die in Krisenzeiten der Schifffahrt erfolgten. In diesem Zusammenhang kam es dann zu „Reverse Stock Splits“, mit denen Aktien zusammenlegt wurden, auch um nicht aus der Börse rauszufliegen.
Das indiziert, dass das Geschäftsmodell mit Frachtschiffen mindestens so heftigen Schwankungen unterliegen kann wie diese selber, wenn sie sich in schwerer See befinden – was mit entsprechend hohen Risiken verbunden ist.
Das schlägt sich in hochvolatilen Aktienkursen nieder, in massiven Einbrüchen, aber auch immer wieder in sehr starken Boomphasen. Ähnliches gilt für die von den Frachtraten abhängigen, jeweils vierteljährlich neu berechneten Dividenden, über die Seanergy einen großen Teil der Gewinne an die Aktionäre ausschüttet.
Die jüngsten Quartalszahlen von Seanergy fielen sehr gut aus. Seanergy profitierte von den stark gestiegenen Frachtraten im Capesize-Segment massiv.
Das Unternehmen möchte nun auch noch seine Flotte aufstocken und modernisieren, dabei nimmt man fast 600 Mio. USD in die Hand, mehrheitlich (wohl zu 85%) über Fremdkapital (Anleihen, Kredite / großschiffahrtsspezifisches „Leasing“).
Analysten bewerten die Aktie in letzter Zeit als „Kauf“ bei einem durchschnittlichen Kursziel von über 23 USD. Die Aktie selber markierte kürzlich ein Allzeithoch, ihr Wert hat sich seit Jahresbeginn von rund 9 USD auf fast 19 USD im Maximum mehr als verdoppelt.
Allerdings indiziert die Korrektur des Baltic-Capesize-Index seit der Berichtswoche, dass die Stahlnachfrage in China ein wenig schwächelte. Zudem erwarten Analysten für das kommende Jahr 2027 bereits wieder rückläufige Gewinne pro Aktie, da sich das Angebot an Schiffen global wieder erhöhen werde.
Das könnten Gründe sein, weshalb eine von uns erfasste Vermögensverwaltung in der Berichtswoche Aktien der Reederei mit hohem Kursgewinn verkaufte. Der Kurs der Aktie gab denn auch seit dem Allzeithoch von 18,92 USD am 4. September im Laufe der Berichtswoche nach und stand am 14.9.26 bei 18,16 USD am 15.9.26 aber schon wieder bei 18,50 USD.
Nach dem bisher Geschriebenen sollte klar sein: Die Aktie ist kein „Buy-and-Hold“-Investment, sondern ein Instrument für taktisch sehr versierte Anleger, die auf einem extrem volatilen Markt Risiken nicht fürchten, sondern als Chancen nutzen wollen.
Das setzt aber eingehende Beschäftigung mit den globalen Schifffahrtsmärkten voraus, was – wie unsere wenigen, nur an der Oberfläche kratzenden Ausführungen andeuten sollten – zunächst Vertrautheit mit der Terminologie und vor allem mit der Funktionsweise dieser Märkte erfordert.
Also wohl in der Regel eher etwas für Profis.
