Titel im FokusWKN
Am. MSCI W. ESG Select. ETF ETF049

Dia­lek­tik der Nach­hal­tig­keit

Auf der Ver­kaufs­liste der Berichts­wo­che steht der Amundi MSCI World ESG Selec­tion UCITS ETF Acc. Eine Ver­mö­gens­ver­wal­tung ver­äu­ßerte Anteile die­ses Fonds mit erheb­li­chem Kurs­ge­winn. Der ETF hat in Euro über 3 Monate um 9 Pro­zent zuge­legt, über 6 Monate und seit Jah­res­be­ginn um rund 17 Pro­zent, über 1 Jahr um  27 Pro­zent und über 3 Jahre um 68 Pro­zent.

Eine Erklä­rung die­ser Kurs­dy­na­mik ergibt sich bereits aus den ers­ten Fünf der Titel gemäß Gewich­tung in die­sem Fonds: 1) NVI­DIA Corp., 5,12%; 2) Micro­soft Corp. 4,25%; 3) AMD 3,16%; 4) ASML Hol­ding NV 2,55%; 5) Alpha­bet, Inc. A 2,42%.

Es han­delt sich auch noch unter den ers­ten Zehn um Unter­neh­men mit sehr gro­ßer Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung, wobei IT-​​Titel, die seit gerau­mer Zeit ins­be­son­dere von KI-​​Erwartungen pro­fi­tie­ren, am häu­figs­ten ver­tre­ten sind.

Aller­dings hat die­ser ETF auch eine Bremse: Er deckelt über den nach­zu­bil­den­den Index die Maxi­mal­ge­wichte bei 5 Pro­zent.

MSCI schreibt, dass der zugrunde lie­gende MSCI WORLD ESG LEA­DERS SELECT 5% Issuer Cap­ped Index „large and mid-​​cap stocks across Deve­l­o­ped Mar­kets coun­tries“ ent­hält und eine gekappte Ver­sion des „MSCI World Selec­tion Index“ dar­stellt, indem das Kon­zen­tra­ti­ons­ri­siko durch Maxi­mal­ge­wich­tung eines ein­zel­nen Unter­neh­mens von 5 Pro­zent redu­ziert wird.

Bei einem ETF auf den MSCI World Selec­tion Index ohne Kap­pung, wie dem „UBS MSCI World Selec­tion UCITS ETF USD“, hat das höchste Gewicht der­zeit  NVI­DIA mit 9,81 Pro­zent.

Wir spe­ku­lie­ren in Anbe­tracht des­sen auch ein wenig über den mög­li­chen Ver­kaufs­grund: Ein wich­ti­ges Motiv für den Ver­kauf des ETFs unse­rer Liste könnte ein­fach Gewinn­rea­li­sie­rung auf­grund erhöh­ter Risi­ken im KI-​​Tech-​​Bereich gewe­sen sein. Das würde auch zu dem Mus­ter pas­sen, dass viele Anle­ger in letz­ter Zeit den KI-​​Anteil in ihren Invest­ments redu­zier­ten.

Mög­lich wäre aber auch, dass die Prä­fe­renz für das Nachhaltigkeits-​​Label nach­ge­las­sen hat, zumal ein mess­ba­rer Nachhaltigkeits-​​Impact in der Regel durch Fonds die­ser Art kaum erzielt wird, dazu eig­nen sich Private-​​Market-​​Investitionen oder gege­be­nen­falls ELTIFs sehr viel bes­ser.

Den­noch darf man die Frage stel­len, ob große IT-​​Firmen, deren Akti­en­kurse in letz­ter Zeit von KI-​​Erwartungen getrie­ben wor­den sind, in Zukunft über­haupt noch die Hür­den des Nach­hal­tig­keits­scree­nings wie bis­her über­win­den wer­den. Denn KI hat einen extre­men Ener­gie­hun­ger.

Bei KI ist es mit einem hoch­ka­lo­ri­schen Ener­gie­rie­gel, den bei­spiels­weise ein KI-​​Ingenieur, der gerade KI ener­ge­tisch ver­bes­sert, zur Unter­stüt­zung sei­ner Hirn­tä­tig­keit rein­schiebt, lei­der nicht getan.

Das Gehirn benö­tigt für eine Bil­li­arde Ope­ra­tio­nen pro Sekunde (FLOPS=Gleitkommaoperationen pro Sekunde) eine Leis­tungs­auf­nahme von 20 Watt. Ein Ver­bund von KI-​​Chips benö­tigt für eine Bil­li­arde Ope­ra­tio­nen zwi­schen 3.500 und 5.000 Watt, das ist das 175– bis 250-​​Fache an Leis­tung (das ist eine KI-​​Angabe, also Vor­sicht). Der Ver­gleich hinkt ein wenig, denn die Leis­tungs­pro­file und die phy­si­sche Rea­li­sie­rung der Bil­li­arde Ope­ra­tio­nen sind in bei­den Sys­te­men sehr ver­schie­den, aber das kön­nen wir hier nicht wei­ter ver­fol­gen.

Ent­schei­den­der in unse­rem Kon­text ist etwas, das man als „Dia­lek­tik der Nach­hal­tig­keit“ bezeich­nen könnte. Diese Dia­lek­tik kann man sti­li­siert in zwei Arten unter­tei­len, die häu­fig inein­an­der über­ge­hen:

Zum einen in den eher sophis­ti­sche Gebrauch. Dabei wird inter­es­sen­be­dingt, gege­be­nen­falls auch ad libi­tum, bei­spiels­weise nach­hal­tig gemacht oder als nicht mehr nicht­nach­hal­tig defi­niert, was bis­her als nicht­nach­hal­tig galt: Das beste Exem­pel hier­für ist in Europa das Thema Rüs­tung im Fonds­be­reich seit 2022.

Die andere Vari­ante der Dia­lek­tik ist, dass eine Ent­wick­lung zwei gegen­sätz­li­che Ten­den­zen hat, eine nach­hal­tige und eine nicht­nach­hal­tige. Das gilt im Übri­gen auch für alle gro­ßen tech­no­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keits­stra­te­gien – Stich­wort etwa Mate­ri­al­auf­wand. An die­ser Vari­ante von Dia­lek­tik knüp­fen wir im Fol­gen­den im Hin­blick auf Ener­gie­be­reit­stel­lung für KI an.

Denn auf der einen Seite hat der für Künst­li­che Intel­li­genz erfor­der­li­che Ener­gie­be­darf mas­siv zuge­nom­men. Inso­fern besteht der Ver­dacht, dass KI z.B. einen immer grö­ße­ren Kohlendioxid-​​Fußabdruck hin­ter­lässt, und in die­sem Sinne sollte KI das stan­dar­di­sierte Nach­hal­tig­keits­ra­ting eines KI-​​Unternehmens ver­min­dern.

Auf der ande­ren Seite wird von KI erwar­tet, dass sie zur Nut­zung und wei­te­ren Durch­set­zung „rege­ne­ra­ti­ver“ Ener­gien bei­trägt, etwa indem KI für mehr Netz­sta­bi­li­tät sorgt bzw. für einen bes­se­ren Match von Ange­bot und Nach­frage oder dass sie bes­sere Ener­gie­ef­fi­zi­enz ermög­licht usw. Inso­fern wäre KI ein wesent­li­cher Fak­tor des Erfolgs der weit­hin als nach­hal­tig betrach­te­ten Ener­gien, KI würde in die­sem Sinne die Nach­hal­tig­keits­be­wer­tung eines KI-​​Unternehmens erhö­hen.

Vor­erst ist es aber wohl so, dass die für KI benö­tigte Ener­gie mas­siv gewach­sen ist, und zwar in der Wirk­lich­keits­form, wäh­rend das zweite Moment, KI als Fak­tor der soge­nann­ten Ener­gie­wende, eher Zukunfts­mu­sik zu sein scheint und, wenn der Ein­druck nicht täuscht, meist in der Mög­lich­keits­form kom­mu­ni­ziert wird.

Zwar hat die KI-​​Entwicklung die Ener­gie­ef­fi­zi­enz pro Rechen­ope­ra­tion (FLOPS pro Watt) stark ver­bes­sert, sie ver­zehn­fachte sich nach Anga­ben des „The 2026 AI Index Report“ der Stan­ford Uni­ver­sity in einem Jahr­zehnt. Den­noch ist nicht nur die­sem Report zufolge die erfor­der­li­che Ener­gie weit stär­ker gestie­gen als die Effi­zi­enz. Die rechen­in­ten­sivs­ten KI-​​Modelle „zie­hen“ wohl Leis­tun­gen (also elek­tri­sche Arbeit pro Zeit = Span­nung U in Volt mul­ti­pli­ziert mit Strom I in Ampere) von 100 Mio. Watt in der Trai­nings­phase.

Die Kohlendioxid-​​Emission durch Trai­ning habe, so der Standford-​​Report, im Zeit­ver­lauf nume­risch noch kräf­ti­ger zuge­nom­men als die benö­tigte elek­tri­sche Leis­tung.

Alex­Net kam dem Report zufolge 2012 auf 0,01 Ton­nen CO2–Äqui­va­lente, Grok 4 in 2025 auf 72.816 Ton­nen (GPT-​​4 in 2023 auf 5.184 To.; Deep­Seek v3 in 2024 jedoch nur auf 597 To.).

Der Ener­gie­kon­sum im Trai­ning ist das eine; der Ener­gie­auf­wand wäh­rend des Betriebs das andere.

Häu­fig wird der Betriebs-​​Energieaufwand pro Prompt/​Eingabe ermit­telt: 2025 wies nach Anga­ben des Standford-​​Reports den höchs­ten Wert Deep­Seek auf, wo pro Anfrage 23 Watt­stun­den (Wh) an Ener­gie benö­tigt wer­den; Claude 4 Opus war mit 5,32 Wh von den gro­ßen Model­len am ener­gie­spar­sams­ten.

Es wird erwar­tet, dass die Gesamt-​​Energie für KI wei­ter mas­siv anwach­sen wird. Die Inter­na­tio­nal Energy Agency IEA erwar­tet („Key Ques­ti­ons on Energy and AI, 2026“), dass die Ener­gie für Rechen­zen­tren sich von 2025 bis 2030 von 485 TWh auf 950TWh ver­dop­peln wird, wobei sich die darin ent­hal­tene KI-​​Komponente ver­drei­fa­chen soll.

Das weist in eine Rich­tung, die zumin­dest den Gedan­ken auf­kom­men lässt, dass KI in abseh­ba­rer Zukunft das Nach­hal­tig­keits­ra­ting der betei­lig­ten IT-​​Firmen nach unten beför­dern könnte. Aller­dings müsste man, jen­seits der hier ange­führ­ten und iso­lier­ten Abso­lut­werte, zunächst ein­mal die Grö­ßen­ord­nun­gen im Ver­gleich mit ande­ren „Ver­brau­chern“ (bzw. Ener­gie­wand­lern mit Nut­zen­funk­tion) anschauen und vor dem Hin­ter­grund gän­gi­ger Nach­hal­tig­keits­ra­tings bewer­ten. Hinzu kommt die ange­deu­tete „Dia­lek­tik der Nach­hal­tig­keit“.

Das alles führt dazu, dass die skep­ti­sche Frage nach der Nach­hal­tig­keit von KI leicht gestellt, aber ver­mut­lich gegen­wär­tig nur mit grö­ße­rem Auf­wand durch Fach­leute eini­ger­ma­ßen seriös beant­wor­tet wer­den kann.