| Titel im Fokus | WKN |
|---|---|
| Siemens AG | 723610 |
Siemens: Rückkehr zu den Wurzeln
Siemens baut seit etlichen Jahren seine Software-Kompetenz durch massive Übernahmen von mehr oder weniger „geborenen“ Software-Unternehmen immer stärker aus. Zu den in jüngerer Zeit akquirierten oder für eine Übernahme notierten Spezial-Software-Häusern gehören Altair Engineering (2015), Dotmatics (ebenfalls 2015, das lassen wir unten jedoch aus), Precision Innovations (20.7.2026, angekündigt) und Defacto Technologies (21.07.2026, angekündigt).
Altair Engineering (USA) bietet Software für industrielle Simulationen, High-Performance-Computing (HPC) und industrielle KI.
Precision Innovations (USA) ist auf Electronic Design Automation (EDA) spezialisiert und nutzt KI, um die Entwicklung und Optimierung von Computerchips bereits in frühen Phasen zu beschleunigen.
Defacto Technologies (Frankreich) ist ebenfalls auf Halbleiter-Design-Software spezialisiert und hier insbesondere auf die Automatisierung der Erstellung von komplexen System-on-a-Chip (SoC)-Architekturen.
Im Geschäft mit der Software spielen, wie man liest, für Siemens zunehmend KI und insbesondere digitale Zwillinge eine zentrale Rolle: „Ein digitaler Zwilling ist ein dynamisches, virtuelles Abbild eines physischen Objekts, Systems oder Prozesses. Dieses digitale Modell wird kontinuierlich mit Echtzeitdaten seines physischen Pendants aktualisiert. So ermöglicht es Simulationen, Überwachung und Analysen, um die Leistung zu optimieren und potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen.“ (technia.com)
Siemens stellt vermehrt seine Software, die verschiedenen KI-Optionen und seine digitalen Zwillinge über die Cloud (Saas) den befugten Anwendern und Kunden zur Verfügung.
Die Software-Strategie hat wohl eine „universalistische“ Stoßrichtung. Sie soll auch physische Artefakte wie Maschinen verschiedener Hersteller eines Unternehmens einheitlich vernetzen und in eine darüber gelegte Schicht der intelligenten Datenverarbeitung und Steuerung integrieren. Damit würde die Siemens-Software auch im Vergleich zur Siemens-Hardware einen übergreifenden, gewissermaßen „transnationalen“ Charakter bekommen.
Faktisch ist es aber bisher wohl so, dass die „Hardware“ von Siemens immer noch den weitaus größten Teil des Konzern-Umsatzes ausmacht.
Deshalb gehen kritischere Beobachter davon aus, dass Siemens seine neuere Softwarestrategie eher dazu nutzt, um die eigenen physischen Produkte noch erfolgreicher verkaufen zu können und ihnen über lock-in-Effekte bessere Daseins– und Ausbreitungsbedingungen beispielsweise in der „Fabrik der Zukunft“ zu verschaffen.
Ein weiterer Punkt, den gerade auf Aktien spezialisierte Marktbeobachter derzeit häufiger erwähnen, ist der Grad der konjunkturellen Abhängigkeit verschiedener Siemens-Geschäftsbereiche und die erwartete Veränderung dieses Mixes.
Software wird eher zu den nichtzyklischen Bereichen gerechnet. Demgegenüber werden physische Produktionsmittel in der Regel stärker zyklisch nachgefragt.
Deshalb glaubt ein Teil der Marktbeobachter, dass Siemens mit der Stärkung der Software-Komponente auch selber nichtzyklischer werden könnte, d.h. robuster gegenüber den Regelmäßigkeiten und Launen der Konjunktur. Manche spekulieren sogar, Siemens könne irgendwann wie ein reines Software-Unternehmen bewertet werden.
Davon ist Siemens aber, wie soeben angedeutet, noch weit entfernt. Und das scheint auch in der ferneren Zukunft keine realistische Entwicklungstrajektorie zu sein. Denn die Siemens-Software (plus die vielfältigen Kooperationen im Kontext von KI usw.) bleibt an bestimmte Arten von Hardware, von physischen Artefakten, von Maschinen, Automaten, Robotern, Sensoren, Gerätschaften usw. gebunden.
Abschließend sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Siemens ein extrem komplexes Unternehmen ist, auch weil es selber ein Monument der Industriegeschichte mit entsprechender „Erbschaft“ ist, das jedoch bisher nie zu einem Fossil wurde, wie andere Unternehmen dieser Alters– und Preisklasse.
Siemens hat geholfen, das Potential der 1ten Industriellen Revolution (IR) – hier in Gestalt der Eisenbahn – mit den Mitteln der beginnenden 2ten IR (zunächst Telegraphensysteme) vollends auszufalten. Und Siemens hat bekanntlich entscheidend die 2te IR in beeindruckender Bandbreite (elektrische Energie– und Zugmaschinen, Starkstromelektrik usw.) mitgeprägt. Das Unternehmen war schließlich auch an der 3ten IR bahnbrechend innovativ beteiligt (Elektronik und Digitaltechnik, insbesondere speicherprogrammierte Steuerung). Siemens trägt nun offenkundig auch zur aktuellen 4ten IR (Internet, vernetzte Fabriken / Maschinen, KI usw.) bei, indem sich das Unternehmen transformiert, wie es sich gerade transformiert.
Ein wichtiger – keinesfalls hinreichender – genereller Grund dafür, dass das thematisch um den elektrischen Strom gruppierte Unternehmen Siemens kein Fossil wurde, sondern sich mit jeder IR bisher evolutionär weiterentwickelte, scheint in dem überragenden und in seiner ganzen Tragweite kaum je zu vollem Bewusstsein gebrachten Stellenwert der Elektrik in der modernen Technik– und Gesellschaftsentwicklung zu liegen.
Beruhend auf einer langen Reihe von Vorarbeiten wie etwa dem berühmten Zucken der Froschschenkel in Galvanis Experimenten um 1780 herum und den dadurch angeregten heroischen galvanischen Selbstversuchen des frühromantischen Hochleistungsphysikers Johann Wilhelm Ritter wurde jede der industriellen Revolutionen 2, 3 und 4 wesentlich von der Kunst des artifiziellen Umgangs mit dem elektrischen Strom mitbestimmt.
Es tendiert seit Ritter bekanntlich alles in Richtung Elektro-Weltgesellschaft, die auf der Suche nach der blauen Elektroblume jedes neu „erahnte“ Potential der energetischen und informatorischen Elektrifizierung über das ingeniöse Gewinnprinzip der Wirtschaft zur Blüte bringen möchte. Nüchtern-trunkene Elektro-Romantik pur.
Siemens hat bisher im technologischen Spiel mit bewegten (und unbewegten) Ladungsträgern auch auf jeder dieser Evolutionsstufen bei den Virtuosen vorne mitspielen können. Wird das weiterhin der Fall sein?
Das ist die Frage, die man sich derzeit auch am Aktienmarkt stellt. Aber leider verharren viele Beobachter in einer typischen ultrakurzfristigen Perspektive der Sofort-Verhaftetheit und unbelehrten Ungeduld. Daher wollen wir den Blick probehalber ein wenig weiten.
Denn das gegenwärtige Vorwärts von Siemens in die neblige Zukunft scheint auch nur ein höherstufiges Rückwärts zu den Wurzeln des Unternehmens in der Mitte des 19ten Jahrhunderts zu sein.
Die ersten technischen Großtaten von Siemens waren Zeiger-Telegraphensysteme, also elektrische Kommunikations– und Koordinationsmittel für die damals überwiegend eingleisigen Eisenbahnnetze. Und egal, ob die zu koordinierenden Lokomotiven von Borsig, von Henschel oder von Harrison, Winans & Eastwick waren – diese superschwere Hardware wurde intelligent koordiniert über die vom Charakter her universellen Softstrom-Leitungen von Siemens.
Daher könnte man das neuerliche Ziel, Software und KI zur Vernetzung und intelligenten Steuerung von Hardware unterschiedlicher Hersteller zu verwenden, als Rückkehr zu den Wurzeln auf einer höheren Stufe der Wissensentwicklung und Kunstfertigkeit betrachten.
